Doppelseiten aus dem neuen Werk der Officina Ludi, Fotos: Claus Lorenzen

Gold in der Buchkunst? Und dazu noch in einem modernen Künstlerbuch – kann das gutgehen? Das waren meine ersten Überlegungen, als ich mit den Planungen zu einer Anthologie mit Texten aus der Weltliteratur zum Thema Gold begann. 

Vor zehn Jahren hatte ich bereits ein rundum weißes Werk mit Prosa und Lyrik zur Farbe Weiß gedruckt, ohne Farbe, nur mit Blind-, Relief- und Folienprägungen sowie Lasergravuren. Sechs Jahre später dann das schwarze Gegenstück: auf schwarzem Naturpapier überwiegend im Siebdruck mit transparentem Relieflack gedruckt, aber auch mit Holzschnitten, schwarzer Prägefolie und Flockdruck (den man sonst meist nur bei Beschriftung von Textilien verwendet).

Beide Bücher waren große Erfolge, nicht nur wegen der namhaften Künstler, die daran beteiligt waren, sondern auch, weil hier moderne Techniken der Druckveredelung eingesetzt wurden, die in der traditionellen Buchkunst bis dahin nicht üblich waren. Mit diesen beiden komplementären Büchern sollte es eigentlich sein Bewenden haben, obwohl es immer wieder Anregungen gab, Entsprechendes auch für andere Farben wie Blau, Grün oder Rot herauszugeben.

Aber vielleicht Gold? Dies ist keine Farbe im engeren Sinne, sondern ein Edelmetall, und erstaunlicherweise schien es bisher nicht einmal eine Sammlung literarischer Texte zum Gold gegeben zu haben – zu seinem Mythos und zu dem Reiz, den dieses Metall der Götter und der Könige, das kaum einen praktischen Gebrauchswert hat, seit Jahrtausenden auf die Menschen ausübt. Lyrik und Prosa zum Thema Gold waren rasch zu finden, von Shakespeare über Schiller bis zu Trakl und Tucholsky, und insgesamt elf Künstler aus fünf Nationen waren spontan bereit, an einem rundum goldenen Pressendruck auf goldenem italienischem Feinstpapier (Inapa Shyne) mitzuwirken.

Doch es zeigte sich bald, daß das geplante Buch weitaus komplizierter und technisch aufwendiger sein würde als seine beiden weißen und schwarzen Vorgänger. Mit Relief- und Folienprägungen sowie Laserstanzungen hatten wir Erfahrungen, nicht aber mit goldenen Hologramm- und Effektfolien. Zudem durfte das Buch keinesfalls den Eindruck einer Pralinenschachtel oder eines mittelalterlichen goldenen Evangeliars erwecken.

Die Druck- und Prägeversuche zogen sich über Monate hin. Wie würden sich etwa mehrere Goldfarben verhalten, wenn sie bei Holzschnitten übereinandergedruckt würden? Und wie sollte man filigrane Frakturschriften oder Künstlerzeichnungen (beispielsweise von Felix Scheinberger, Hannes Binder oder Klaus Ensikat) in Folienprägungen umsetzen?

Den Durchbruch brachte schließlich eine vor kurzem in Israel entwickelte digitale »Scodix«-Druckmaschine, von der es in Deutschland bisher erst zwei Exemplare gibt (eine davon beim Mediadruckwerk in Hamburg). Bei diesem Verfahren wird farbloser Relieflack mit feinsten Düsen auf das Papier gesprüht, der Lack bekommt durch ultraviolette Bestrahlung Volumen und nimmt im gleichen Arbeitsgang die Goldfolie an der Oberfläche auf.  Es können nacheinander sogar mehrere Folien dreidimensional übereinandergelegt werden. Allerdings eignete sich unser wunderschönes Goldpapier nicht ohne weiteres für dieses Verfahren, und so waren neue Experimente mit unterschiedlichsten Lack- und Foliensorten nötig, die sich über Wochen und Monate hinzogen. Und war einmal ein Bogen gut gelungen, so kam es vor, daß er im nächsten Arbeitsgang, etwa beim anschließenden Heißfoliendruck, wieder unbrauchbar wurde.

Die Arbeiten an dem in jeder Hinsicht experimentellen Buch dauerten insgesamt fast ein Jahr, und allen Beteiligten sei gedankt, daß es trotz aller Widrigkeiten und Rückschläge nun doch noch fertig geworden ist. Am Stand der Officina Ludi kann man es anschauen.

Claus Lorenzen